Satt, sauber - und sonst? Wie Dokumentation Pflegezeit frisst

Erst akribisch dokumentieren, dann erst pflegen! Was nach übertrieben viel Bürokratie klingt, ist Standard im deutschen Pflegesystem. Wo Dokumentation Zeit, Ressourcen und Mitarbeiter bindet, bleibt wenig Zeit für den Menschen. Wie stellt sich Pflege aus der Sicht derer dar, die dafür jeden Tag verantwortlich zeichnen?

eit für Papierkram, keine Zeit am Pflegebett

Seit 2009 vergibt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) Pflegenoten - mit gravierenden Veränderungen für den Heimbetrieb. Stationäre Pflege heißt für Pflegedienstleitungen: Nicht nur Dienstpläne schreiben, die tägliche Arbeit organisieren und mit Bewohnern und Angehörigen sprechen, sondern vor allem immer mehr Papierkram, der wenig Zeit für den Kontakt mit Menschen lässt. In einem Artikel von Zeit Online (August 2016) beklagt die Altenpflegerin Monika Ott eine Reihe von Missständen durch ausufernden Dokumentationswahn (Link: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-08/pflegeheime-buerokratie-deutsches-pflegesystem). So widme sich die MDK-Prüfung "45 Minuten lang" den Papieren und "zehn Minuten lang" dem Bewohner. Regel- und Formulartreue münde in gute MDK-Pflegenoten, die Pflegequalität bessere sich dadurch kaum.

Medikamente: Kein Aspirin ohne Okay

Auch der Bereich Medikation scheint, wie Pflegekräfte immer wieder beklagen, durch unsinnige Vorschriften geprägt: Zwe Heimbewohner mit der gleichen Verordnung? Die Gelegenheit, eine angebrochene Medikamentenpackung wirtschaftlich sinnvoll aufzubrauchen, oder? Leider nicht: Diese ist innerhalb von 24 Stunden zu entsorgen - selbstverständlich korrekt dokumentiert. Ihre im Heim lebende Mutter hat hohes Fieber, so dass ihr ein Pfleger sofort ein Fiebermedikament verabreicht? Fehlanzeige, denn ihr Arzt hat vergessen zu notieren, ab welcher Temperaturhöhe dieses gegeben werden darf. Ihre Mutter wartet also, bis er sein telefonisches Okay gibt. Obwohl Handlungen wie das Verabreichen einfacher Medikamente pflegerisches Basiswissen sind, bedeutet ein Regelbruch, der Handbücher zum Qualitätsmanagement ignoriert, schweres Fehlverhalten - zur Not auf Kosten des Patienten.

Mit dem Kugelschreiber am Pflegebett

Derweil hat ausufernde Pflegedokumentation spezielle Dienstleister von Formularsystemen auf den Plan gerufen. In den Augen von Leitungskräften gehen diese an der Praxis vorbei - um ihre Altenpfleger zu entlasten, entwickelte Monika Ott eigene, vereinfachte Tabellen. Qualitätsrichtlinien, Expertenstandards, Verordnungen: Sache der Pflegedienstleitung, die es allen recht machen muss, von MDK über Heimaufsicht bis zum Gesundheitsamt. Damit war sie nicht allein: Schon 2013 ergab eine Studie der Bundesregierung, dass Pflegedokumentation jährlich den Gegenwert von 2,7 Milliarden Euro an Arbeitzeit frisst. 2014 nahmen nun 40 Prozent der Pflegeheime an einem Projekt teil. Die Aufgabe: Viel, viel schreiben! Und notieren, was ein Pflegebedürftiger kann und können muss, etc. etc. Eine Pflegeplanung, in die kaum jemand im Pflegealltag am Pflegebett hineinsieht. Oft wird diese nicht einmal durch den Bezugspfleger selbst, sondern durch einen eigens dazu eingestellten Mitarbeiter verfasst - und zwar für sämtliche Bewohner.

Azubis: Alleingelassen Überstunden machen

Welche Rolle spielen Auszubildende bei der Pflege Ihrer Angehörigen? Eine Befragung durch Verdi unter 3410 Personen zeigte: Zeitnot und Personalknappheit bestimmen die komplette Ausbildung, die derzeit durch über 130.000 Auszubildende in Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege absolviert wird. Der Ausbildungsreport Pflegeberufe 2015 vermeldet, dass nur 58,5 Prozent mit ihrer Ausbildung zufrieden sind (in allen anderen Berufen sind es 71,5 Prozent). Auch die praktische Ausbildung lässt zu wünschen übrig: Ein Drittel der Azubis sagt, dass sie nicht durch einen Praxisanleiter an ihre Aufgaben herangeführt werden. In der Altenpflege geben 41,2 Prozent an, regelmäßig Überstunden zu machen, obwohl dies von Gesetzes wegen eine Ausnahme darstellen soll. Verdi-Fazit: Einrichtungen sind chronisch unterbesetzt!

Wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt

Unterbesetzung und augenscheinliche Überforderung, die immer wieder für Schlagzeilen sorgt - wie im Herbst 2016 in einer Seniorenresidenz in Untermerzbach, Bayern: Die Staatsanwaltschaft Bamberg ermittelt gegen die Geschäftsführerin sowie den Pflegedienstleiter wegen Totschlags und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Medikamente sollen ausgetauscht worden, ein gestürzter Heimbewohner weder ärztlich betreut, noch ins Krankenhaus eingewiesen worden sein - mit Todesfolge. Auch in diesem Kontext galt der erste Griff Dokumenten wie Behandlungsunterlagen, Dienstplänen und Gesundheitszeugnissen. Bayerns Gesundheitsministerin Huml (CSU) dazu: Die Bürger müssten sichergehen können, dass man ihre Angehörigen menschenwürdig behandle und angemessen betreue. Monika Ott hat derweil zum MDK gewechselt, als Gutachterin - um nicht länger in einem "unsinnigen System" leitend tätig zu sein.

Pflegestärkungsgesetz: Entbürokratisierung am Pflegebett

Inzwischen läuft die "Verschlankung" der Pflegedokumentation gemäß neuem Pflegebedürftigkeitsbegriff im Rahmen des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes. Abhilfe soll ein neues Konzept von Pflegedokumentation schaffen, um Zeit für die eigentliche Arbeit am Pflegebett zu gewinnen, ohne Einbußen bei Qualitätsstandards oder haftungsrechtliche Risiken. So sollen immer wiederkehrende Abläufe der Grundpflege nicht länger notiert, aber Abweichungen von Routinen weiterhin dokumentiert werden. Veränderungen, die ihre Zeit brauchen.

Zeit, die Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nicht haben. Wie wird in einem bestimmten Heim wirklich gepflegt? (Link: https://www.pflegebetten-24.de/pflegebetten-pflege-ratgeber/pflegeheim-auswaehlen-so-erhalten-sie-auskunft-zur-situation-am-pflegebett). Fakt ist: Sich bei der Heimauswahl auf Pflegenoten und Auszeichnungen zu verlassen, ist der falsche, weil lebensferne Weg. Angehörige sollten sich besser sehr früh so ausführlich wie möglich informieren - und Heime persönlich und unangemeldet besuchen. Oder direkt dort zu Mittag essen - und mit Bewohnern, Altenpflegern und anderen Angehörigen sprechen. Beschaffen Sie sich auch den Heimaufsichtsbericht! Und vertrauen Sie nicht zuletzt Ihrem Bauchgefühl!

 

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