Pflegeberufsgesetz: Chance oder Gefahr für Pflegeberufe?

Die Qualität der Pflege verbessern und den Pflegeberuf attraktiver machen - der zentrale Anspruch des neuen Pflegeberufsgesetzes. Vor allem die Altenpflege mit Fachkräftemangel und schlecht ausgebildetem Personal soll gestärkt werden. Wer die neue Pflegeausbildung absolviert, die künftig die Berufsbilder von Altenpfleger, Krankenpfleger und Kinderkrankenpfleger generalistisch zusammenfasst, darf sich Staatlich geprüfte(r) Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann nennen. Schon jetzt befürchten Kliniken einen Rückgang der Zahl der Ausbildungsplätze. Verbände warnen davor, das Pflegeberufsgesetz als nach Schnellschussmanier durchzupeitschen. Mit Recht?

Arbeitgeber: Altenpflege uncool

In Hamburg sehen die Landesgruppe des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) und die Hamburgische Krankenhausgesellschaft (HKG) die Ausbildung am Pflegebett in Gefahr, so geäußert gegenüber dem Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses, Dr. Edgar Franke, der aktuell über den Gesetzentwurf berät (Link: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung3/Pdf-Anlagen/entwurf-pflegeberufsgesetz,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf). Dabei ist die Finanzierung der Reform ist nur eines der heißen Eisen: Während das Schulgeld in der Altenpflege wegfällt, sollen künftig Fonds auf Landesebene die Pflegeausbildung finanzieren - und zwar unter gleichmäßiger Beteiligung von Ländern, Kliniken, ambulanter und stationärer Pflege sowie der (auch privaten) Pflegeversicherung. Eine bittere Pille für private Arbeitgeber: So war beispielsweise in Hamburg in Altenpflege und Krankenpflege Umlagefinanzierung eingeführt worden. Dadurch seien die Ausbildungszahlen gestiegen, aber diese Entwicklung sei durch die Reform bedroht. Die Arbeit am Pflegebett sei alles andere als trendy, weshalb Arbeitgeber händeringend nach qualifizierten Azubis suchten. Was Arbeitgeber gern verschweigen: Altenpflege wird vergleichsweise schlecht bezahlt. Solange Träger von Alteneinrichtungen nicht mit attraktiverer Entlohnung punkten, scheint die Angst, dass sich Auszubildende künftig für populärere Bereiche entscheiden, berechtigt. Die Schaffung eines einheitlichen Berufsbildes Pflege mit Gleichstellung von Alten- und Krankenpflege könnte aber dafür sorgen, dass auch Altenpfleger demnächst - weil sie eine qualifizierte Krankenpflegeausbildung besitzen - auch mehr, sprich soviel wie ein Krankenpfleger verdienen.

Contra Reform: Zu wenig Berufspraxis, Verflachung der Inhalte

Darüber hinaus beklagen Pflegedienste und Heime einen künftigen organisatorischen Mehraufwand. Außerdem würde die Zahl der praktischen Ausbildungsplätze halbiert, wo Azubis neben Unterricht an Pflegeschulen und dem Besuch weiterer Einrichtungen von drei Jahren Ausbildung nur noch maximal sechs Monate im Betrieb verbrächten. So verkürze sich dieser Praxisanteil etwa in Sachsen von bisher 2500 auf 1300 Stunden - was die Ausbildung unattraktiv mache. All dies geschehe auf Kosten der "inhaltlichen Qualität", so der Leiter der bpa-Landesgeschäftsstelle Hamburg Uwe Clasen und sein Präsident Bernd Meurer. Die Mitglieder des bpa sind für etwa 21.000 Ausbildungsplätze zuständig (Link: www.youngpropflege.de). Pflegeheim-Betreiber fürchten vor allem die Qualitätsverluste durch eine nicht länger in die Tiefe gehende Ausbildung: So stünde in Krankenpflege Heilung und Therapie im Vordergrund, in der Altenpflege dagegen nicht nur körperliche Befindlichkeit, sondern selbstbestimmtes Leben im Zentrum. Schon befürchten Fachleute eine Krise im Pflegeheimbereich - wie CDU-Pflegeexperte Erwin Rüddel: In Ländern, wo die Krankenpflege den Lehrplan dominiere, bestimme bereits Fachkräftemangel die Altenpflege. Sachsen ruft den Altenpflege-Notstand aus - laut IHK Leipzig waren allein in 2015 71.000 Stellen im Gesundheitsbereich unbesetzt. So kritisiert HKG-Geschäftsführerin Dr. Claudia Brase, dass - obwohl die Inhalte der neuen Ausbildung kaum durchdacht seien - die eigenständigen, funktionierenden Pflegeausbildungen bereits abgeschafft werden. Und prognostiziert scharenweises Abwandern von Azubis Richtung Krankenhaus.

Pro Reform: Arbeit am Pflegebett offiziell anerkannt

Caritas, Diakonie und deren Fachverbände begrüßen das neue Pflegeberufsgesetz als Antwort auf die neuen Anforderungen, die der demographische Wandel an das Gesundheitssystem stelle. Auch der Deutsche Pflegerat e. V., der über 1,2 Millionen Beschäftigte in der Pflege vertritt, sieht die Ausbildungsreform positiv. Der Verein, der für qualitätsorientierte Versorgung der Bevölkerung eintritt, glaubt, dass gute Pflege übergreifende Kompetenzen braucht - immer gehe es, unabhängig von Ort und Altersgruppe, um Pflegebedürftigkeit und deren Bewältigung. Insofern werde Pflege als eigener Bereich durch das Pflegeberufsgesetz offiziell anerkannt. Für dessen zügige, konsequente Umsetzung spricht sich auch das gemeinnützige Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP) aus, das sich bereits intensiv mit der Zukunft der Pflegeausbildung auseinandergesetzt hat (Link: http://www.dip.de). Ebenso mit im Boot: Katholische Verbände und Hochschulen, darunter der Katholische Pflegeverband e.V., die mehrere Tausend Einrichtungen, Organisationen und Einzelpersonen des Pflege-, Bildungs- und Gesundheitswesens vertreten. Die betreffenden Hochschulen, u. a. in München, Freiburg, Köln, Mainz sowie Vallendar ansässig, bieten über 1.500 Studienplätze allein in den pflegebezogenen Studiengängen an.

Pflegeausbildung: Zukunftsweisend, EU-weit anerkannt

Das Gremium bewertet die Gegenargumente zur Generalistik als nicht stichhaltig: Modellprojekte und Erfahrungen von Bildungsexperten belegten die Zukunftsfähigkeit und internationale Anschlussfähigkeit des Kompetenzerwerbs im Rahmen einer generalistischen Pflegeausbildung. Eine solche Pflegeausbildung sei für junge Menschen - auch mit mittlerem und höherem Bildungsabschluss - attraktiv, da sie neben dem Einsatz in allen Handlungsfeldern am Pflegebett auch den Einstieg in ein Pflegestudium ermögliche. Dieses wird erstmals eingeführt, um den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt in die Einrichtungen zu tragen und der Zunahme an hochkomplexen Pflegebedarfen sowie dem Grundsatz ambulant vor stationär gerecht zu werden. Dringend erforderlich, denn vielerorten ist die medizinische Versorgung von Heimbewohnern defizitär.

Wird die generalistische Ausbildung diesen Qualitätsanspruch einlösen? Werden Pflegefachfrau und Pflegefachmann flexibel zwischen pflegerischen Feldern wechseln, wird die Reform die Attraktivität des Pflegeberufs stärken? Fest steht, dass die Gesellschaft rasant altert, was Spezialisten in großer Zahl auf den Plan ruft - deutschland- und europaweit. Weshalb das Pflegeberufsgesetz (PBRefG) auf der EU-Berufsanerkennungs-Richtlinie basiert - der erste Jahrgang soll zum 1. Januar 2018 durchstarten.

 

Weitere Themen finden Sie unter: Pflegebetten - Pflege Ratgebe

Einsatz am Pflegebett: Das ändert sich durch die Reform der Pflegeausbildung

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