Pflege - was bedeutet sie, für Angehörige, Pflegekräfte und Betroffene?

Seit Jahresanfang ist es in Kraft - das Pflegestärkungsgesetz, Teil einer Pflegereform, die nicht zuletzt finanzielle Verbesserungen für Demenzkranke, Pflegende und Angehörige verspricht. Aber was bedeutet Pflege im konkreten Alltag für Betroffene, ihre Angehörigen und Menschen, die in professioneller Pflege tätig sind? Ist menschenwürdige Versorgung am Pflegebett erreicht - oder sind weitere Verbesserungen und Alternativen überfällig? 

 

Pflegenotstand: Keine Zeit für sinnvolle Pflege 

 

Fragt man Jana Langer, so bleibt es weiterhin schwer, unter den derzeitigen Bedingungen menschenwürdige Pflege zu leisten. Weshalb sich die erfahrene Krankenschwester mit einem Brief an Kanzlerin Merkel wendet, am 17. Januar 2017 auf Facebook gestellt. Langers Position: Pflegekräfte leiden unter einem System, für das alte Menschen nur noch Kostenfaktor sind - zuviel Zeit für Dokumentation von Pflege, zu wenig für den Menschen. Dabei möchte die Pflegekraft nicht mehr, als ihre Arbeit "sinnvoll, professionell und ethisch vertretbar" verrichten, so im Interview mit N-tv.de, aber geht tagtäglich mit schlechtem Gewissen nach Hause. Zwar habe Merkel Pflegekräfte einmal als stille Helden gelobt, aber Jana Langer will nicht weiter schweigen. Auch an Gesundheitsminister Gröhe schrieb sie bereits, aber erhielt keine Antwort. Langer beklagt, dass der Personalabbau trotz Reform weitergehe. Unterfinanzierte Einrichtungen missachteten Arbeitszeitgesetze, beschäftigten kaum betreute Auszubildende und schlechtbezahlte Hilfskräfte, während viele übermüdete Fachkräfte innerlich gekündigt hätten. Fakt ist, dass Pflegekräfte aus Zeitmangel am Krankenbett oft nur Schadensbegrenzung betreiben, hilflos zusehend, wie Patienten aus Budgeterwägungen zu früh aus der Klink entlassen werden.

 

Burnout am Krankenbett?

 

Jana Langers Brief fordert Kanzlerin Merkel auf, sich für eine umfassende Reform einzusetzen, die diese Missstände angeht. (Den Text im Original finden Sie hier: http://www.epochtimes.de/politik/deutschland/brandbrief-aus-dem-krankenhaus-eine-menschenwuerdige-arbeit-zu-verrichten-nicht-mehr-moeglich-a2030452.html). Die Reaktionen im Netz sind überwältigend: Zahlreiche Kommentare schildern eigene Erfahrungen damit, die Schwächsten der Gesellschaft am Pflegebett zu versorgen, darunter eine Wuppertaler Pflegekraft, die selbst bereits 2014 an Merkel schrieb - und Burnout bei den Pflegekräften beklagt, die immer mehr und immer kränkere Patienten versorgen müssten. Parallel nimmt die gefährliche Belastung mit Krankenhauskeimen zu, an denen geschätzt über 10.000 Menschen pro Jahr versterben. Fakt ist außerdem: In Pflegeheimen steigt die Zahl der Fixierungen durch Psychopharmaka. Häusliche Pflege dagegen (zwei Drittel der Pflegebedürftigen lebt zu Hause) lässt Angehörige, die ihren Beruf für ihren Einsatz am Pflegebett aufgeben, quasi verarmen. Die Pflegekraft nennt ein konkretes Beispiel: Jetzt komme zwar auf 20 statt 25 Bewohner eine so genannte 87b-Kraft zur Betreuung - aber dieser sei nicht erlaubt, bei der tatsächlichen Pflege zu unterstützen. So wird die Pflegereform von professionellen Kräften als eine Art Ablenkungsmanöver erlebt: Um wirklich zu entlasten und eine menschenwürdige Pflege zu gewährleisten, scheinen andere Veränderungen notwendig.

 

Alternative zum Heim: In Familien wohnen 

 

Wie die Zeit im Dezember 2013 berichtete, geht es auch anders - und anderswo: Irmgard Zellner-Hönl, selbst Seniorin, nahm die hochbetagte, nicht mit ihr verwandte Cäcilie bei sich auf. (Link: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/01/demenz-wg-cilli). Das Konzept: Durch einen Sozialdienst vermitteltes, betreutes Wohnen in Familien statt Abschottung in einem Pflegeheim. Zellner-Hönl und Cäcilie, die sich selbst Cilli nennt, leben landschaftlich schön in Bayern. Cilli leidet an Demenz: Oft ruft sie ohne Vorwarnung um Hilfe, will nach Hause, schreit auch nachts, das Babyphone neben sich am Pflegebett - und scheint Phasen ihrer Biografie wie Flucht und Vertreibung erneut zu durchleben. Typisch für Demenz, deren Betroffene weniger sich selbst, als vielmehr ihr Umfeld als aus den Fugen geraten erleben: Wer ist das, der mich da versorgt oder wäscht? Demenz beunruhigt, Betroffene wie Pflegende. Zellner-Hönl bemüht sich, der Erkrankung mit Gelassenheit und Humor zu begegnen - und Cillis Stimmungen, zum Beispiel durch Musik und das Singen vertrauter Lieder, positiv zu beeinflussen.

 

Mit Demenz leben - im Hier und Jetzt

 

Demenzkranke im Heim - eine denkbar schlechte Lösung, denn Betroffene lernen nicht mehr, sich hier zurechtzufinden. Auch in der Gastfamilie nicht - aber diese bietet einen entscheidenden Vorteil, verglichen mit der Pflege durch Verwandte: Natürliche Distanz - und dadurch nicht zuletzt mehr Geduld im Umgang. Sich als Familie dem Thema Pflege und Demenz stellen? Fast immer erleben es Sohn oder Tochter als belastend, Zeuge zu sein, wie sich das vertraute Familienmitglied dementiell verändert, weshalb die Krankheit alle Beteiligten mitnimmt. In eine zuweilen absurde Zeit voller Herausforderungen - von traurig bis komisch. Wer ist dieser Mann? fragt die Mutter, deren Erinnerung an die letzten Jahrzehnte im autobiografischen Gedächtnis des Hippocampus ausgelöscht sind, so dass sie an den erwachsenen Sohn nur als Kleinkind denken kann. Alles was zählt, ist das Leben im Jetzt, in einem Moment, der kurz darauf wieder vergessen ist. In Cillis Fall erlebt der Neffe, dass Gemeinschaft seine Tante aufblühen lässt. Doch warum hat sich Irmgard Zellner-Hönl für den Einsatz am Seniorenbett entschieden? Die sinnvolle Aufgabe, sich um andere zu kümmern, motiviert sie. Doch auch sie braucht Abstand - und schafft sich sprichwörtlich Freiräume für Spaziergänge oder Chorsingen, durch Pflegekräfte unterstützt.

 

Forschung: Angehörige am Pflegebett

 

Experten schätzen: 2050 wird sich - mit über drei Millionen deutschlandweit - die Zahl Demenzkranker verdoppelt haben. Das Pflegestärkungsgesetz, das die Sonderproblematik bei Demenz erkannt hat, ist ein erster Schritt, Pflege dahingehend anzupassen. Aber demente Menschen sind - psychisch und physisch betrachtet - Schwerstpflegefälle, weshalb eine gesetzliche Personalbemessung in Krankenhäusern und Altenheimen geboten scheint. Auch die Situation häuslicher Pflege durch Angehörige bedarf der Optimierung: Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Forschung - wie von Siegfried Gauggel und Dorothee Rößler, Aachen - mit der Belastung, die ältere Menschen, die Angehörige pflegen, tragen müssen. Gauggel und Rößler untersuchten deren psychisches Wohlbefinden. Ergebnis: Die Mehrzahl war in schlechter psychischer Verfassung, die Lebenszufriedenheit war, unabhängig von Geschlecht oder Verwandtschaftsgrad, gering. Als am gravierendsten wurde die Einschränkung persönlicher Freiheit durch den Einsatz am Pflegebett genannt.

 

Pflege erneuern, Geld in die Hand nehmen

 

Dagegen zeigten Modellprojekte des Bayerischen Sozialministeriums: Menschen mit Demenz bewerten ihr Leben in den Gastfamilien positiv, verglichen mit dem Leben im Pflegeheim. Für Kommunen auch ein finanzieller Vorteil, die für einen Heimplatz bis zu 1.500 Euro pro Monat, beim Platz in der Gastfamilie lediglich gut 450 Euro zuzahlt, der insgesamt um 800 Euro, inklusive Betreuung, Kost und Logis, kostet. Auch in Baden-Württemberg ist "Betreutes Wohnen in Familien" bereits eingeführt. Wieso nicht überall? Einheitliche Standards, wie sie für Kinder aufnehmende Pflegefamilien bereits existieren, stehen noch aus. Und wie so oft fehlt es am Geld - etwa um Strukturen zu schaffen, die Pflegebedürftige und entsprechende Familien zusammenbringen. Entgegen anderslautender Äußerungen der Politik wäre das Geld dazu durchaus da - beispielsweise über Einführung einer Bürgerversicherung, in die alle einzahlen - vom Beamten bis zum Selbstständigen. Geld, das im Sinne pflegender Angehöriger, des Pflegepersonals und der Betroffenen in die Hand genommen wird - damit der Mensch wieder im Mittelpunkt steht!

 

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
Pflegebett Dali Burmeier Pflegebett Dali Burmeier
ab 699,00 € * 1.390,00 € *
Niedriges Pflegebett Allura Niedriges Pflegebett Allura
ab 999,00 € * 1.745,00 € *
TIPP!
Pflegebett Regia Burmeier geteiltes Bettgitter Pflegebett Regia Burmeier geteiltes Bettgitter
ab 2.099,00 € * 3.273,00 € *