Pflege kann nicht jeder: Woran gute Versorgung wirklich scheitert

Jeder kann pflegen - ein Zitat des ehemaligen Arbeitsministers und Vaters der Pflegeversicherung Norbert Blüm, das ebenso unwahr ist wie sein "Die Renten sind sicher". Natürlich kann Pflege nicht jeder, aber das eigentliche Problem ist ein anderes: Gute Pflege scheitert weniger an mangelnder Qualifikation, sondern an weiterhin defizit^ren Rahmenbedingungen. Die Ursachen, die gute Konzepte in schlechte Umsetzung verwandeln, sind so vielfältig wie änderungsresistent.

Schlechte Pflege = schlechte Qualifikation?

Qualifizierte Pflege möchte sich Zeit nehmen, aber darf dies nicht - angesichts von Arbeitsverdichtung, enger Kliniktaktung und einem mehr als unzureichenden Versorgungsschlüssel, der erschreckend wenige Kräfte dazu zwingt, zu viele Alte und Kranke zu versorgen. Qualifizierte Pflegekräfte wissen um alle Hygienevorschriften und möchten diese befolgen, aber prallen beim Kampf gegen Krankenhauskeime an die Grenzen von Zeitbudgets. Ja, gründliches Händedesinfizieren braucht nur eine halbe Minute - im September machte Verdi Saarland an einem Aktionstag die Probe aufs Exempel: Die Desinfektion, zwei Stunden einer Achtstundenschicht beanspruchend, musste bereits in der Frühschicht abgebrochen werden - Zeit, die für das Vermeiden von Dekubiti oder Medikamentengabe gebraucht wurde. Im wahrsten Wortsinn eine Wahl zwischen Pest und Cholera: Wo auf Hygiene verzichtet wird, werden nosokomiale Infektionen billigend in Kauf genommen - keine Dienstvergehen, sondern Unterlassungen, die den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllen.

Altenpfleger: Körperlich ausgebrannt, Image als Kotabwischer

Ja, die Mehrzahl der qualifizierten Pflegekräfte und Pflege-Azubis brennt dafür, seine Arbeit engagiert zu tun. Aber wird dabei immer wieder mit einem Image konfrontiert, das den eigenen Berufsstand als eine Herde von Kotabwischern versteht, der zudem bei Aufstiegschancen und lukrativer Entlohnung geizt. Das frisst am Selbstbewusstsein - und physische wie psychische Überbelastung an der Kraft: So leiden Pflegekräfte häufiger als andere Berufsgruppen an Muskel- und Skeletterkrankungen; auch die Wahrscheinlichkeit, Depressionen oder Panikstörungen zu erwerben, hat hier deutlich zugenommen. Oder, wie Pflegeazubi Alexander Jorge in der Sendung "Hart, aber fair" betonte: Pflege ist mehr als "Spritzen setzen und Waschen". Man spürte, dass Jorge der Pflegenotstand vor Ort an die Nieren geht, der sich fragt: Wie kann es sein, dass Menschen in einem reichen Land wie Deutschland, "stundenlang in der Scheiße" liegen? Trotzdem bleibt der junge Mann bei der Stange, weil er "von innen heraus etwas verändern" will.

Häusliche Pflege: Gut gemeint, kräftemäßig am Limit

Das sprichwörtliche gute Herz zu haben, reicht auch im Kontext häuslicher Pflege nicht aus - viele pflegende Angehörige kapitulieren angesichts fehlender Ressourcen, die die gute Pflege von Mutter und Vater erst möglich machen. Pflege, die noch immer überwiegend Frauensache ist, inklusive Raubbau an der eigenen Gesundheit. Leider müssen diese Sandwichtöchter und -partnerinnen der Ü-50 Generation oft viele Schäfchen gleichzeitig ins Trockene bringen - von mehreren Minijobs über die Versorgung halbwüchsiger Kinder bis zum oft ebenfalls zu versorgenden Ehepartner. Weder in zeitlicher, noch in Qualifikationshinsicht k a n n jede(r) pflegen - und Kapazitäten in Pflegekurse und Gespräche mit dem Pflegestützpunkt investieren.

Kein Personal? Pflegenotstand,hausgemacht

Offiziell dürfen in ambulanter Pflege nur examinierte Kranken- oder Altenpfleger mit dreijähriger Ausbildung eingesetzt werden. In stationärer Pflege reicht in Deutschland pro Station eine Fachkraft, verantwortlich für den Rest aus preisgünstigen, angelernten Minijobbern. Ein Pfleger, der sich ganz allein um dreißig oder mehr Menschen kümmert? Keine Seltenheit. Laut Verdi fehlen bundesweit 70.000 Klinik- und 40.000 Altenpflegefachkräfte. Also sieht man sich im Ausland um - und degradiert gleichzeitig die ausgebildeten Pfleger unter den Migranten, deren Ausbildung deutscher Bürokratiedschungel nicht anerkennt, zu Hilfsarbeitern. Stattdessen lockt man vorqualifizierte Chinesen für fünf Jahre mit der Zusage ins Land, sie hier für eine Zukunft in China auszubilden - weg sind sie. Von der Tatsache, wie schwer sich Mitarbeiter, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, bei den Anforderungen im Bereich Dokumentationspflicht tun, gar nicht zu reden.

Pflegewissenschaftler Isford: Pflegejob anspruchsvoller denn je

KatHO NRW-Pflegewissenschaftler Prof. Michael Isfort, dieses Jahr mit dem Deutschen Pflegepreis ausgezeichnet, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP) Köln und selbst gelernter Krankenpfleger, macht sich sowohl für die Innovation pflegerischer Handlungsfelder als auch verbesserte Pflegeberichterstattung in Deutschland stark (http://www.badische-zeitung.de/deutschland-1/pflegewissenschaftler-isfort-nicht-jeder-kann-pflegen--58382165.html). Beim Thema Pflegeausbildung favorisiert Isfort den Vorschlag der EU-Kommission einer zwölfjährigen Allgemeinbildung als Voraussetzung, um überhaupt in diese Ausbildung zu starten. Nein, Isfort befürwortet kein Pflege-Abi, aber eine Berufsvorbereitung im Anschluss an Haupt- oder Realschulabschluss. Denn der Pflegejob sei anspruchsvoller denn je: 70 Prozent der Altenheimbewohner sei dement und brauche palliativmedizinische Versorgung oder Schmerztherapie - ohne medizinische Kenntnisse oder Arzneimitteltherapie-Know-how undenkbar. Außerdem müssten diese Mitarbeiter neben Qualitätssicherung auch Hilfepläne und Konzepte selbstständig erstellen können. Michael Isford hat selbst vor Ort untersucht, wie etwa Intensiv-Pflegekräfte wichtige Therapie-Entscheidungen - beispielsweise beim Einstellen von Beatmungsgeräten - treffen. Für Isford ist die Chance, eine anspruchsvolle Ausbildung zu schaffen, umso höher, je besser der Betreffende darauf schulisch vorbereitet ist.

Alte als Nicht-Leister: Miserable Lebensqualität

Aktuell prägt folgender Gedanke die tägliche Praxis: Welche Pflegeleistung kann ich weglassen, ohne Schaden anzurichten? Also weniger oft umlagern, weniger oft beobachten, Schmerzmittel erst spät geben. Diese unüberbrückbare Diskrepanz zwischen in einer guten Ausbildung Gelerntem und tatsächlicher Pflegerealität muss frustrieren! Gelebte Pflegerealität, die angesichts ihres Schreckensausmaßes von zukünftig Pflegebedürftigen umso besser verdrängt wird. Schließlich heißt, Opfer von defizitärer Pflege durch kompetente, aber überlastete Pflegekräfte zu sein nichts anderes als miserable Lebensqualität im letzten Lebensabschnitt - bis zum offenen Geheimnis einer Unterversorgung vom Charakter heimlicher Euthanasie. Azubi Alexander Jorge vermisst den Respekt für die Menschen, die "unseren Wohlstand erwirtschaftet" haben. Fehlende Würde als direkter Spiegel dessen, was alte Menschen als Nicht-Leister einer neoliberalen Gesellschaft wert sind, die Individuen mehr und mehr unter Nutzenaspekten bewertet. Wie nicht zuletzt ausgebildete Pflegekräfte, deren Kapazitäten beim Leeren von Bettpfannen und Urinflaschen verschleudert werden.

Gesundheit und gute Pflege als Wert begreifen

Derweil wächst der wirtschaftliche Erfolgsdruck weiter. "Kliniken werden vermehrt als Medizinfabrik" betrachtet, so Pflegewissenschaftler Michael Isfort. Wie gut die Pflege ist, "spielt keine Rolle". Isford fordert, diesen Ökonomisierungsdruck zu begrenzen. Es sei naiv zu glauben, mehr Arbeit bei weniger Personal in gleicher Qualität liefern zu können. Wir sollten gesellschaftlich umdenken und uns fragen: Was sind uns als moderner Dienstleistungsgesellschaft Gesundheit und pflegerische Versorgung wert? Oder, um mit Karl-Josef Laumann (CDU) zu sprechen: Die Pflege von Menschen darf unserer Gesellschaft nicht weniger wert sein als die Reparatur von Maschinen.

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