Migranten im Pflegebett: So ist Deutschland darauf eingestellt

Die Zahl pflegebedürftiger Senioren steigt weiter - eine Nachricht, die kaum überrascht. Weniger im Bewusstsein scheint, dass dies auch für Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund zutrifft! Auch hier wächst der Bedarf im Bereich Beratung, Pflegebett und Co. - aber oft unsichtbar: So scheuen viele ausländische Mitbürger den Gang zu Angeboten wie Pflegestützpunkten. Welche Alltagsbarrieren hindern Migranten daran?

Speziell: Interkulturell pflegen

Sertac Bilgin, Pflegedienstleiter in Ludwigshafen, versorgt einen Patienten, der über ganze vier Hausärzte verfügte, so die Rhein-Neckar-Zeitung im letzten November. Wozu? In einer Großfamilie helfe man sich gegenseitig. Bilgin erlebt öfter, dass unterschiedlichste Familienmitglieder Senioren zu verschiedenen Ärzten bringen. Um 70 Prozent seiner Patienten sind Migranten. Viele sprechen gut Deutsch, bis sie an Demenz erkranken und in ihre Muttersprache zurückfallen. Weshalb am Pflegebett kaum etwas so wichtig ist wie ein Mitarbeiter, der diese Sprache spricht. Und Pflegekräfte, die sich am Seniorenbett nach muslimischen Gebetszeiten - und den entsprechenden Waschritualen - richten. Auch Diabetiker sind angesichts von Feiertagen wie dem Zuckerfest eine Herausforderung.

Gastarbeiter nutzen Pflegeangebote weniger

Zwar kam die erste Generation von Gastarbeitern mit dem Plan nach Deutschland, später zurückzukehren. Aber die meisten blieben, zahlten ins deutsche System ein, aber kennen sich wenig mit dessen Leistungen aus. Sie blicken oft auf Biografien zurück, die von Jobs unter physisch belastenden Arbeitsbedingungen und ungünstigen Wohnverhältnissen geprägt waren. Schlechte Gesundheit und niedrige Renten erhöhen nicht nur bei Deutschen das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Obwohl der Bedarf, ambulante und stationäre Angebote zu nutzen, da ist, wird das System von Gesundheit und Pflege durch ältere Migranten jedoch weniger in Anspruch genommen. Im Umkehrschluss denken deutsche (auch Präventions-)Angebote von Pflegeheim bis Pflegeberatung (noch) zuwenig an die speziellen Voraussetzungen dieser Seniorengruppe.

Im Kreise der Familie alt werden

Sprachliche, kulturelle und religiöse Besonderheiten, aber auch Ängste vor Diskriminierung und Sprachkenntnisse, die nicht hinreichen, um Wünsche treffend zu formulieren, erschweren den Zugang zu Angeboten, Leistungen und Beratung. Überdies sind Pflegethemen wie Inkontinenz schambesetzt - darüber spricht man nicht, auch nicht als Angehöriger. Dabei stellen schützende Faktoren wie ein hohes familiales Solidarpotenzial ein durchaus positives Argument für die geringere Pflegebedürftigkeit (oder Inanspruchnahme von Hilfen) dar, so Martin Kohls in einer Publikation des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zum Thema (Link:http://www.bamf.de/SharedDocs/Meldungen/DE/2012/20120302-forschungsbericht12.html) - Erwartungen an Familie und Verwandtschaft, die man mit Senioren ohne Migrationshintergrund teilt. Kohls Bericht fordert eine interkulturelle Öffnung der Pflege, leichteren Zugang zu Leistungsangeboten bzw. deren Anpassung an die - auch zukünftig zu erwartenden - Bedarfe pflegebedürftiger Migranten im Bereich professionelle Unterstützung und Pflege.

Pflegeberatung in der Muttersprache

Diese Defizite erkennend, startete in Hamburg schon 2008 eine niedrigschwellige Pflegeberatung für Migranten, als zweijähriges Projekt des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Bis heute hat diese Pflegeberatung in türkischer Sprache und russischer Sprache Bestand. Ziel: Zugang zu Pflegeangeboten ebnen, bei der Pflege unterstützen - und Fachkräfte für das Thema sensibilisieren. Projektergebnisse wurden mittels Klienten-Fragenbogen evaluiert: Es zeigte sich, dass beratene Migranten nur bedingt auf schriftliches Informationsmaterial zu Unterstützungsangeboten zugriffen - Mund-zu-Mund-Propaganda erreichte sie besser. Weshalb für die Beratungstätigkeit Kontakte zu - den Senioren vertrauten - Migranten-Organisationen essentiell sind. Beratung zum deutschen Pflegesystem in der Heimatsprache sowie in einfachem Deutsch wurde gut akzeptiert, so Neriman Nihsah vom Pflegestützpunkt Harburg.

Politik: Entwicklungen verschlafen?

Pflegeversorgung verbessern, heißt, Integration und Prävention zu stärken, Sprachbarrieren zu beseitigen und geschlechtsspezifische Angebote zu etablieren. Wie ist die Datenlage zum Thema? Leider noch unbefriedigend: Nur wenige Studien wie die des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zu "Wirkungen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes" (2009) äußern sich zu pflegebedürftigen Menschen mit Migrationshintergrund in häuslicher Pflege sowie vollstationärer und ambulanter Versorgung - und dies, obwohl die Zahl der pflegebedürftigen Migranten zu diesem Zeitpunkt bereits bei 8,2 Prozent lag! Ein Perspektivwechsel scheint überfällig, damit Angebote nicht zuletzt auch speziellen Rollenvorstellungen oder kulturellen Tabus geschlechtsspezifischer Themen Rechnung tragen. Wie etwa zu respektieren, dass es in manchen Kulturkreisen verboten ist, Frauen durch männliches Personal zu pflegen. Viele Aspekte, die, folgt man Martin Kohls, unter ein gemeinsames Dach von Bund, Ländern und Kommunen gehören, einheitliche Mindeststandards für das Dolmetschen im Pflegeheim durch sprachkompetentes Pflegepersonal eingeschlossen.

Pflege in Bewegung, von Beratung bis MDK-Gutachten

Zum Glück tut sich Einiges - beispielsweise im seit Februar 2016 laufenden, durch Nazife Sari koordinierten Modellprojekt "Interkulturelle BrückenbauerInnen in der Pflege (IBIP)" der Diakonie Berlin, in drei Berliner Modellbezirken. Die Pflegeberatung aus zehn weiblichen und männlichen, hauptamtlichen Brückenbauern spricht sieben Sprachen, von Türkisch und Arabisch über Französisch, Polnisch, Rumänisch und Russisch bis Serbokroatisch. Niedrigschwellig, informieren vier Pflegestützpunkte und drei Sozialstationen über Ansprüche und Hilfsangebote. Außerdem holte man den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) mit ins Boot. Dadurch ist es den - in Pflegethemen geschulten - Beratern möglich, bei den Begutachtungen vermittelnd dabei zu sein. Der Senior kommt nicht zum Pflegestützpunkt? Die Projektmitarbeiter besuchen ihn am Seniorenbett, in Moschee, Café oder Seniorentreffpunkt - das baut Vertrauen auf, weil Zugänge hier erst geschaffen werden müssen. Und dann? Wird zum Beispiel zum Besuch muttersprachlicher Seniorengruppen animiert. Der Erfolg nach einem Jahr Projektlaufzeit gibt Recht: Pflegestützpunkte werden durch Pflegebedürftige und Angehörige verstärkt aufgesucht, auch die Begleitung zur MDK-Pflegebegutachtungen am Pflegebett wird immer öfter genutzt.

Pflege braucht Fingerspitzengefühl - und Vermittler

Auch Hamburg, Bundesland mit dem größten Ausländeranteil unter den Senioren, erlebte Initialzündungen - in Form spezifischer, gut angenommener Versorgungsprojekte. Eine zehnköpfige, türkische Demenz-WG entstand, in einem anderen Stadtteil ein so genannter Orient-Bereich in einem Pflegeheim, mit - für Männer und Frauen getrennten - Gebetsräumen und Gemeinschafträumen und Beschriftungen auf Arabisch. Beispiele, die deutlich machen, dass Pflege und Pflegeberatung ein Gespür für interkulturelle Unterschiede entwickeln muss. Und dann einfache Zugänge zu Angeboten schafft - weil nicht zuletzt rechtzeitiges Wissen zu Ansprüchen und Leistungen verhindert, dass sich der Zustand im Seniorenbett oder im Pflegebett verschlechtert. Aber: Dazu braucht es eine deutlich größere Zahl an Vermittlern und Multiplikatoren, die Brücken bauen - auch zu Kursen für pflegende Angehörige oder Selbsthilfegruppen. Höchste Zeit, Beratungskonzepte so zu überarbeiten, dass sie auch den besonderen Bedürfnissen von alten Menschen mit Migrationshintergrund gerecht werden!

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