Medikamente im Alter: Cocktail mit Risiken

Je älter, desto mehr Medikamente: Laut Stiftung Warentest nimmt mehr als die Hälfte aller Menschen über 60 bis zu fünf Mittel gleichzeitig am Tag, ein Fünftel sogar noch mehr. Eine problematische Medikamentengabe namens Polypharmazie, durch die Gesundheitsrisiken von Inkontinenz bis Sturzanfälligkeit steigen. Höchste Zeit für Ärzte, Apotheker und Pflege, hier umzudenken. Warum im Einzelnen? Und was muss sich ändern? 

Ins Krankenhaus wegen zu vieler, falscher Medikamente

Unerwünschte Arzneimittelereignisse (UAE) gehören zum Pflegeheimalltag, wie eine Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zeigt, die dort im Schnitt acht und mehr UAE auf einhundert Bewohner zählte, in Hochrechnung 700.000 Fälle jährlich. Missstände, die oft Krankenhausaufenthalte nach sich ziehen. So ergab eine Anfrage der FDP-Fraktion jährlich 250.000 Einweisungen wegen Multimedikation, Tendenz steigend. Verschiedene Experten sind der Meinung: Zwei Drittel der UAE sind vermeidbar oder abmilderbar. Dass diese auftreten, kennt mehrere Ursachen. Zum einen wandelt sich der Stoffwechsel: Medikamente, die ich mit 50 gut vertrage, können mit 80 schädlich sein. Dies im Einzelnen - einschließlich entsprechender Wechsel- und Nebenwirkungen - zu beurteilen, ist mehr als nur Sache stationär beschäftigter Altenmediziner.

Priscus-Liste: Diese Arzneimittel bergen Risiken

Aber nicht jeder Hausarzt oder Facharzt ist firm auf diesem Gebiet, nicht jedes Bundesland in der Fläche gleich gut mit Altenmedizinern versorgt. Beispielsweise erhielten im vergangenen Jahr 25,43 Prozent alter Menschen ein Medikament, dessen potenzielle Risiken den Nutzen übersteigt - eines von 83 Arzneimitteln in 18 Arzneistoffklassen auf der seit 2010 verfügbaren, so genannten Priscus-Liste, für Senioren über 65 ungeeignet. Darüber hinaus finden sich Hinweise auf zu meidende Wirkstoffe in der - in den USA entwickelten - Beers-Liste. In jedem Einzelfall sind also Nutzen und Risiken durch behandelnde Ärzte sensibel abzuwägen: Kann meiner Leber, meinen Nieren dieser Wirkstoff zugemutet werden oder nicht? Kann das Medikament die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen oder die Sturzgefahr erhöhen?

Bunter Arznei-Cocktail aus über 15 Pillen

Neben der Wahl der Medikamente lässt die Zahl der parallel eingenommenen Präparate aufhorchen. Zahlen der Barmer GEK bestätigen dies: 2016 wurden fast jedem dritten Rheinland-Pfälzer über 65 fünf Pillen verordnet, mehr als jedem fünften bis zu neun gleichzeitig, 7,1 Prozent der Senioren bis zu vierzehn, 2,8 Prozent sogar mehr als 15 Medikamente. Unter Pflegebedürftigen ist diese Zahl besonders hoch, wie der Pflegereport des Wissenschaftlichen Instituts der AOK weiß: 62,2 Prozent der Pflegebedürftigen im Bundesland Rheinland-Pfalz nehmen fünf oder mehr Wirkstoffe - der höchste Wert bundesweit, verglichen mit 61,9 Prozent in NRW, aber "nur" 53,1 Prozent in Brandenburg.

Aufklärung: So nimmt man Medikamente ein

Doch das Bewusstsein für das Thema wächst - in den Medien, wie durch Dokus wie "Omas Pillen-Falle" (Link: http://www.ardmediathek.de/tv/45-Min/Omas-Pillen-Falle-Gef%C3%A4hrliche-Medikamen/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=12772246&documentId=50892374), aber auch Vorträge vor Ort. Wie z. B. in Lampertheim, wo Apothekerin Sibylle Fath im Seniorenzentrum informiert: Wie und wann sind Medikamente am besten einzunehmen? Der Zeitpunkt der Einnahme ist essentiell, klärt Fath auf, damit Wirkstoffe zur Entfaltung kommen - wie z. B. Kortisone früh morgens. Sprich, immer dann, wenn der Körper selbst das meiste eines Wirkstoffs produziert. Auch mit welchen Nahrungsmitteln Medikamente genommen würden, spiele eine entscheidende Rolle. Und wann, erläutert die Apothekerin: Nüchtern? Das heißt eine Stunde vor dem Essen oder mehr. Vor dem Essen? 15 bis 30 Minuten vor der Mahlzeit. Zum Essen? Während des Essens oder direkt danach. Und rät, Stimmungsaufhellendes, Fitmachendes nicht abends, sondern morgens zu nehmen, entwässernde Medikamente umgekehrt - es sei, denn, man wolle nachts zur Toilette laufen. Binsenweisheiten, möchte man meinen - aber die Resonanz des Publikums gibt Sibylle Fath Recht. Denn Menschen wie sie schließen Aufklärungslücken von Haus- und Fachärzten!

Projekt: Risikomanagement soll Wechselwirkungen senken

Wo sich Hausärzte, Fachärzte und Klinikmediziner kaum austauschen, fehlt der Gesamtüberblick. Was nehmen Sie alles ein? Sind es mehr als drei Medikamente, haben Sie seit 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan durch Arzt oder Apotheker, der alle Arzneimittel mit Dosierungs- und Einnahmehinweisen verständlich dokumentiert, und das regelmäßig aktualisiert. Darüber hinaus will ein aktuelles Projekt (OAV) zahlreicher Partner, von AOK Nordost über geriatrische Pharmazeuten, Pflegefachkräfte, Ärzte und Forschungseinrichtungen den Austausch Beteiligter befeuern und die Arzneimittelversorgung für pflegebedürftige geriatrische Patienten optimieren. Projektdauer drei Jahre, gefördert mit 6,6 Millionen Euro aus Bundesmitteln, angedacht für Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Ziel ist ein lernfähiges Risikomanagementsystem, das Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten messbar senkt.

Pfleger, Ärzte, Apotheker: Voneinander lernen!

Patienten werden begleitet, regelmäßige Checks sind geplant: Medikation jetzt ändern? Parallele Dokumentation erfasst Diagnose, veränderte Medikamente und alles, was ein Patient ansonsten noch einnimmt. Apotheker sollen Risikoprofile in den Blick nehmen, Therapieänderungen vorschlagen und Ärzte entscheiden, ob Verordnungen zu ändern sind. Außerdem werden Pflegefachkräfte geschult: Wie verträgt ein Bewohner die Therapie? Einschätzungen, die dann an Apotheker und Ärzte gehen, damit der behandelnde Mediziner reagieren kann. Innovativ daran: Der interdisziplinäre Aspekt und die Bereitschaft, sich gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen! Nicht irgendwie, sondern sehr konkret: Im OAV-Projekt engagierte Pflegefachkräfte, Apotheker und Ärzte werden vor Ort eine betriebliche duale Ausbildung mit Hochschulanteilen praktischer Geriatrie durchlaufen. Dabei: 96 Pflegeheime und ambulante Pflegedienste - und insgesamt 4800 Patienten. (Link: http://www.oav-geriatrie.de).

Sie möchten mehr über bestimmte Arzneimittel und Wirkstoffe erfahren? Hier finden Sie eine kompakte Version der Priscus-Liste zum Download (Link: http://www.aok-gesundheitspartner.de/imperia/md/gpp/bund/arztundpraxis/prodialog/2012/priscusliste_gpp.pdf)

Und die deutsche Version der Beers-Liste (Link: http://www.bcp.fu-berlin.de/pharmazie/klinische_pharmazie/arbeitsgruppe_kloft/materialien/Beers-Liste.pdf)

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