Hoffnung bei Demenz: Innovative Projekte von Zeitreise bis Märchenstunde

Regelmäßiges Gehirn- und Gedächtnistraining kann Aufmerksamkeit, Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit verbessern. Eine Chance für Demenzkranke? Nein, sagt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft: Klassisches, leistungsbezogenes Gedächtnistraining überfordere diese Menschen. Und empfiehlt daher spielerische Anregungen, die die Erinnerung fördern. Innovative Konzepte versprechen genau das - von der Zeitreise per Datenbrille über das Singen vertrauten Liedguts bis zum Märchenprojekt.

Erinnerungen anregen: Per Datenbrille in die Vergangenheit reisen

Spiele-Experten und Mediziner des Helios-Hospital Krefeld-Hüls, einer Klinik für Akutgeriatrie und Frührehabilitation, möchten der Erinnerung auf die Sprünge helfen. Leitlinie der Klinik, die seit 1986 über eine akutgeriatrische Abteilung und seit 2011 über eine eigene Demenzstation verfügt:

- Verschlechterungen auf Dauer vermeiden
- Alltagskompetenz wieder erhöhen
- Lebensqualität und Selbstständigkeit ganzheitlich verbessern

Dabei wird nach eigener Aussage besonderen Wert auf individuelle, persönliche Betreuung gelegt. Wie der WDR aktuell berichtete, läuft der Praxisteil des ungewöhnlichen Projekts ab sofort: Per Datenbrille und Virtual Reality reisen Demenzkranke in die eigene Vergangenheit. Dazu hat man die Straßenkreuzung Ostwall und Rheinstraße auf Basis alter Fotografien der 50er und 60er Jahre am Rechner nachkonstruiert (Link: http://oiger.de/2017/07/31/datenbrille-gegen-das-grosse-vergessen/164608). Außerdem wurden in die "Memory Station" so genannte Erinnerungspunkte integriert - z. B. eine Standuhr, beliebter Treffpunkt der jungen Leute. Das Projekt "Krefeld im Wirtschaftswunder" projiziert das Modell vor die Augen von Alzheimer-Patienten, die etwa 60 Prozent aller Demenzkranken (deutschlandweit ca. 1,3 Millionen Menschen) ausmachen. Eine Hirnerkrankung, die erst das Kurzzeit-, dann das Langzeitgedächtnis erfasst und es den Betroffenen immer schwerer macht, sich im Alltag zu orientieren und einfachste Handlungen zu verrichten. Eine der spannenden Fragen: Wie werden Menschen, von denen viele noch nie ein Videospiel spielten, von dieser - inzwischen alltäglichen - Technologie und dem Serious-Gaming-Projekt profitieren?

Volkslieder singen: Sprache und Kommunikation anregen

Neben der Gedächtnisleistung ist bei Alzheimer auch die Sprache betroffen. Leider kann Logopädie den Verfall in diesem Kontext lediglich verzögern. Singen dagegen eröffnet Wege, erneut andere, selten genutzte Wörter zu erinnern und zu verwenden. Auch syntaktisch komplizierte Liedpassagen werden mitgesungen. Wiebke Hoogklimmer beispielsweise, ausgebildete Altistin und selbst Betroffene, nahm Volkslieder speziell zum Mitsingen - und ihre persönlichen Erfahrungen dazu auf Video auf (Link: https://www.youtube.com/watch?v=v-R4F2F8cDQ). Der Effekt: Wieder mehr sprechen, mehr kommunizieren! (Link: https://www.wegweiser-demenz.de/weblog-und-forum/weblog/hoogklimmer-wiebke/beitrag-volkslieder.html). Dabei ist einfach bzw. weniger hier mehr: Lieder werden gut verständlich und ohne Instrumentalbegleitung (oder maximal mit Gitarre) vorgesungen, Demenzkranke begleiten sich mit Klanghölzern selbst. Singen entpuppt sich als wichtige Ressource, die es erlaubt, an alte Texte anzuknüpfen, die im Langzeitgedächtnis noch erhalten sind - dank rückwärts verlaufendem Gedächtnisabbau. Eine sinnvolle Unterstützung auch für alle im Umfeld Demenzkranker - ob pflegende Angehörige, Pflegekräfte oder Therapeuten.

Gefühle wecken gegen das Chaos im Kopf: Märchen

Bereits 2015 war in der Ärztezeitung zu lesen: Demenz- und Alzheimerpatienten, die regelmäßig Märchenerzählungen zuhören, sind entspannter (Link: https://www.aerztezeitung.de/panorama/article/883845/gesundheitsforschung-maerchenstunde-hilft-demenzkranken.html). Jetzt gelang es Pflegewissenschaftlerin Ingrid Kollak, diese Vermutung wissenschaftlich zu untermauern. Teil ihres durch Berliner Senat und Bundesfamilienministerium geförderten Forschungsprojekts an der Alice-Salomon-Hochschule, in Kooperation mit der gemeinnützigen GmbH Märchenland, war die Märchenstunde im Katharinahof am Berliner Preußenpark. Die Frage: Wie wirken Märchen auf Menschen (aller Schichten und Altersgruppen) mit Demenz bzw. Alzheimer? Die Märchenerzählerinnen, die die Einrichtung besuchten, machten folgende Erfahrung: Patienten reagierten sehr spontan - und drückten Gefühle direkt und ohne nachzudenken aus. Es wird finster und unheimlich im Märchen? Genau zu hören, ebenso wie die Freude, wenn es im Märchen zum Tanz ruft. Für die Auswertung wurden die Märchenstunden als Videos aufgezeichnet sowie Erzählerinnen, Pflegekräfte und Projektmitarbeiter interviewt und, wo möglich, auch die Teilnehmer nach ihren Eindrücken gefragt. Bewohner, die sich in die Geschichte vertieften, verließen dazu ihr übliches Verhaltensschema. Menschen, die typischerweise unausgesetzt herumliefen, bleiben sitzen, um zuzuhören. Kauen und Schmatzen aus Nervosität wich Entspannung. Märchen entfalten, nicht zuletzt aufgrund ihrer Erzählstruktur, eine gesunde Wirkung. Konkret regen sie die Phantasie an, vermitteln Werte - und ermuntern vor allem dazu, nicht aufzugeben. Kollak schlussfolgerte außerdem: Strukturiertes Märchenerzählen löst Gefühle aus und hilft, sich an die Kindheit zu erinnern. Das Einordnen der eigenen Lebensgeschichte gelingt eher, das Chaos im Kopf wird unterbrochen.

Märchen im Pflegealltag einsetzen

Entsprechend hat das Projekt von Prof. Dr. Ingrid Kollak Handlungsempfehlungen entwickelt, die es den - oft hilflosen - Pflegekräften erlauben, adäquat auf diese schwierigen Patienten zu reagieren. Märchenerzählen kann herausforderndes Verhalten Betroffener mildern und dämpfen, so die Erkenntnis: Beispielweise produzierten viele Patienten ständig Laute, wollten laufen oder wechselten im Verhalten von sehr aggressiv zu lethargisch. Etwas, das im Alltag von Pflegeheimen eine besondere Herausforderung und Belastung darstellt. Schließlich werden derzeit mehr als 500.000 Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen betreut, Tendenz steigend. Zur genannten Studie ist im Springer Verlag eine Veröffentlichung erschienen, die passende kreative und künstlerische Angebote für Patienten mit eingeschränkter kognitiver Leistungsfähigkeit vorstellt - einschließlich praktischer Anleitung, für die Umsetzung im Alltag.

 

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