Gewalt am Pflegebett: Öffentlicher Diskurs zur Prävention gefordert

Aggression und Gewalt in der Pflege - ein hochemotionales Thema. Und ein Tabu, mit dem das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) brechen will, indem es den gesellschaftlichen Diskurs zur Gewaltprävention aktiv vorantreibt. Wie kommt es zu Gewalt im Kontext der Versorgung Pflegebedürftiger und was lässt sich dagegen tun? Wo Verletzlichkeit und Abhängigkeit betreuter Senioren mit überlasteten Helfern, auch im häuslichen Familienrahmen, zusammentreffen, eskalieren Konflikte - keine Einzelfälle, sondern verdeckt passierende Gewalt mit hoher Dunkelziffer.

Gewalt im Pflegeheim: Viele Formen

Gewalt gegen Pflegebedürftige hat viele Facetten und reicht von Beschimpfen, Beschämen und Vernachlässigen bis zu körperlichen Übergriffen, nicht immer mit Vorsatz ausgeübt, sondern Ergebnis unüberlegten Handelns. Auch Gewalt durch gezielte Unterlassung pflegerischer Unterstützung, den Einsatz - nicht angezeigter! - freiheitsbeschränkender Maßnahmen oder finanzielles Entmündigen lässt sich nicht leugnen. Entsprechend umfasst die Gewaltdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Gewalt gegen Senioren (Elder Abuse) physische, psychische und sexuelle Misshandlung sowie materielle Ausbeutung und Vernachlässigung. Leider ist die Datenlage zu Gewalt in der Pflege so dünn wie unzuverlässig - nicht zuletzt, weil Gewalt je nach Studie unterschiedlich definiert wird.

Plattformen schaffen, Gewalt offensiv ansprechen

Ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt am Pflegebett geht über die gewohnt reißerische Medienberichterstattung hinaus und verzichtet darauf Pflegende zu diskriminieren, wo wirksame Gewaltprävention ins Zentrum rückt. Das ZQP setzt dazu die Bereitschaft aller Beteiligten - Senioren, Angehörige und Pflegepersonal - voraus, das Thema anzusprechen. Und appelliert: "Werden Sie Botschafter für eine Pflege ohne Gewalt". Interessierte können unter #PflegeOhneGewalt auf Facebook, Google+ oder Twitter aktiv werden oder unter pflegeohnegewalt@zqp.de in direkten Kontakt mit dem ZQP treten. Angehörige und Pflegekräfte finden auf www.pflege-gewalt.de praxisrelevante Informationen zur Gewaltprävention, inklusive einer Übersicht an Notrufnummern für den Fall, dass eine Pflegesituation eskaliert. Denn bedarfsgerechte Pflege basiert neben pflegerisch-medizinischer Expertise auf Einfühlungsvermögen und Geduld - soweit die Theorie. In der Praxis gerät jeder am Pflegebett Engagierte immer wieder, nicht zuletzt durch Überlastung, in unerwartete Situationen. Angesichts von Berufsbildbeschreibungen wie "Der wischt Alten den Hintern ab" vermissen Altenpfleger außerdem die gesellschaftliche Anerkennung ihrer anspruchsvollen Aufgabe. Leider lassen Rahmenbedingungen wie Zeit- und Ressourcenmangel sowie Engpässe beim Personal häufig nicht zu, dass Pflegekräfte ihre eigenen Ansprüchen an gute Pflege in der Praxis leben - wie die hohe Fluktuation bei professionell Pflegenden zeigt.

Häusliche Pflege als moralische Verpflichtung

Aber auch Angehörige - bundesweit werden (laut AOK Pflegereport 2016) von den derzeit 2,7 Millionen Pflegebedürftigen 70 Prozent im Schnitt 9,6 Jahre zu Hause versorgt - scheitern. Pflegende Angehörige, zusätzlich durch berufliche und familiäre Verpflichtungen belastet, geraetn an ihre Grenzen. Besonders dort, wo Pflegebedürftigkeit plötzlich eintritt, gleiten vor allem Frauen durch einseitige familiäre Zuweisung an Verantwortlichkeit in eine soziale Isolation. Dagegen droht Frauen, die diese Rolle nicht annehmen, oft moralisch-gesellschaftliche Abwertung. Fatal für beide Seiten, weil verantwortungsbewusste Versorgung und Betreuung Freiwilligkeit voraussetzt. Trotzdem belegen Studien: Die Pflegebereitschaft ist weiterhin hoch; laut einer aktuellen ZQP Umfrage bekundete weniger als ein Drittel der Pflegenden, ihren Angehörigen unter bestimmten Umständen in ein Heim abzugeben.

Einmal Kind, immer Kind

Wieso bestimmen dann immer wieder Ereignisse wie der Fall eines 61-Jährigen die Schlagzeilen, der 2015 vom Landgericht Stuttgart verurteilt wurde? Mit der Pflege überfordert, hatte der Esslinger seine Mutter mit einem Kissen erstickt. Schon scheinbar banale Alltagskonflikte sorgen dafür, dass sich Fürsorge in Wut verwandelt - etwa, wenn sich der alte Mensch nicht kämmen lässt oder sich weigert, den Mund zur Essensgabe zu öffnen. Jeder Übergriff ist ein Hinweis auf den wachsenden Kontrollverlust, mit dem pflegende Angehörige tagtäglich kämpfen. Wobei die Erklärung einer Überlastung der Pflegenden zu kurz greift, denn Gewalt kennzeichnet hier eine Pflegebeziehung, die speziell in häuslicher Pflege durch frühere familiäre Konflikte und Rollenzuschreibungen sowie Abhängigkeit bzw. Dominanz geprägt ist. Wie im Fall von Töchtern, die bereits als Kind ungleich behandelt wurden. Sie pflegen rund um die Uhr, hören aber nur Vorwürfe, während der Bruder, der nur selten zu Besuch kommt, begeistert begrüßt wird. Das Ergebnis: Grenzüberschreitungen - von beiden Seiten, Pflegenden wie Gepflegten.

Forderung: Angehörige unterstützen!

Experten wie Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP, wehren sich gegen ein Kriminalisieren pflegender Angehöriger: Die Mehrzahl wolle alles richtig machen, aber muss ständig alles kontrollieren: Toilettengang, Essen und Körperpflege. Irgendwann kommt der Punkt, wo die Stimmung kippt. Gute Gewaltprävention geht über Opfer-Täter-Beziehungen hinaus, sondern fordert flächendeckende Beratungsstellen für Gewalt am Pflegebett, in jeder Stadt. Niedrigschwellig, denn solche Angebote zu nutzen bedeutet, sich und anderen die eigene Überforderung und die aggressiven Gefühle einzugestehen. Gefordert sind auch finanziell unterfütterte Tages- und Nachtpflegeangebote für die konkrete Entlastung. Informationen zu den Ursachen herausfordernden Verhaltens - wie es etwa Demenzpatienten zeigen - sollen das Beratungsangebot abrunden, gezielte Aufklärung zur Vermeidung kritischer Situationen beitragen. Denn das Verhalten psychisch bzw. kognitiv beeinträchtigter Menschen zeigt sich in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Wer dieses richtig zu deuten lernt, interpretiert es nicht als bösartig, sondern kann angemessen reagieren. Wie wichtig externe Unterstützung ist, zeigen neuere Untersuchungen, die belegen, dass ein wertschätzendes soziales Umfeld die Belastbarkeit hinsichtlich herausfordernden Verhaltens stärkt.

Gewaltprävention: Das gibt es bereits

Es gilt also, Angehörige, aber auch professionell Pflegende zu entlasten. Eine dazu bereite Gesellschaft schafft diese Strukturen als Basis für gelingende Gewaltprävention, klärt relevante Akteure sowie Bevölkerung gezielter zu Angeboten, aber auch Wahrnehmungs- und Meldepflichten auf und stärkt die Kooperation zwischen Heimaufsichten, Pflegeeinrichtungen, Ärzten, Pflegekräften, Angehörigen und Betroffenen. So werden Gewaltpotenziale rechtzeitig eingeschätzt, um im Bedarfsfall zu intervenieren. Ein funktionierendes Beispiel für den ambulanten Einsatz ist der durch die Hochschule der Polizei entwickelte Verdachtsindex Misshandlung im Alter (VIMA). Außerdem widmet sich das Projekt Potenziale und Risiken in der familialen Pflege (PURFAM) der Erfassung problematischer Situationen; einige Landesärztekammern haben bereits Leitfäden zum Thema speziell für Hausärzte veröffentlicht. Der flächendeckende Ausbau konkreter Hilfsangebote wie Notruftelefone oder kurzfristiger Unterbringung im Fall akuter Gefährdung steht noch aus. Erst wenige Beratungsstellen sind - wie die Diakonie Berlin - auf Gewalt in der häuslichen Pflege spezialisiert.

Zeuge von Gewalt am Pflegebett?

Jeder Fünfte Befragte hatte - außenstehend oder beteilgt - bereits Kontakt mit gewaltbehafteten Situationen. Was tun, wenn Übergriffe in der stationären Pflege geschehen? Wer zunächst die pflegebedürftige Person selbst darauf anspricht, findet heraus, wie diese die Situation wahrnimmt. Anschließend sollten Angehörige oder Betroffene die Ereignisse Bezugspflegekraft bzw. Schicht- oder Wohnbereichsleitung schildern - und Lösungsvorschläge fordern. Auch Pflegedienst- oder Einrichtungsleitung, Heim- oder Angehörigenbeirat sind zuständig, im akuten Fall kann Medizinischer Dienst oder Heimaufsichtsbehörde informiert werden. Außerdem steht Betroffenen das Pflegetelefon des Familienministeriums unter der Nummer 030/20179131 zur Verfügung.

Österreich: Deeskalation als Teil der Pflegeausbildung

Gewalt gegen Pflegende, Gewalt Pflegender gegen Senioren - zwei Seiten derselben Medaille und problematisches Wechselspiel. Ungeachtet der Tatsache, dass Handlungsbedarf existiert, zeigt sich das öffentliche Problembewusstsein als unzureichend entwickelt: Eine Studie des ZQP von 2014 weist aus: Nur 34 Prozent der Befragten glauben, dass Gewalt gegen Senioren hierzulande ein Problem ist. Dabei veröffentlichte das Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bereits 2005 in der Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen, Artikel 2, deren Recht auf "körperliche und seelische Unversehrtheit, Freiheit und Sicherheit". Pflege ist also keine individuell-familiäre, sondern gesamtgesellschaftliche Herausforderung! Österreich zeigt Schritte, die sich gehen lassen - und will Beschäftigte in der Pflege vor Gewalt schützen. Spucken oder schimpfen - auch in Österreich sind verbale oder körperliche Angriffe an der Tagesordnung. Jetzt soll das Thema Gewalt eigener Schwerpunkt in der Pflegeausbildung werden; Österreich überarbeitet sein Gesundheits- und Krankenpflegegesetz. Wie beruhigt man aggressive Patienten und begegnet ihnen mit dem nötigen Verständnis? Auszubildende sollen künftig in Deeskalations- und Gesprächstechniken geschult werden - ein hoffnungsvoller Anfang!

zum Pflege Ratgeber

 

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